Schreiben mit Selbstcoachingeffekt

Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste.
— Herta Müller (*1953), Literatur-Nobelpreisträgerin

Als ich neulich einen Rundgang über eine Projektbaustelle gemacht habe, sah ich den Raum auf dem Foto. Die Tapeten sind heruntergeschabt, die Baustelle riecht nach Mauerwerk und der raue Putz versprüht seinen ganz eigenen Charme. Und dann im zweiten Stock plötzlich dieses „Ich liebe dich“. Ich musste gleich dieses Foto machen und schmunzeln, hat doch dort ein Maler mit großen Buchstaben die schiere Freude am Leben aufgeschrieben.

Apropos Schreiben:
Über die Wirkung von Schreiben auf die innere Ausgeglichenheit und Gesundheit ist viel berichtet, aber noch nicht allzu viel geforscht worden. Nichtsdestotrotz ist es Konsens in der Schreibforschung, dass der selbst-therapeutische Wert kreativer und autobiografischer Texte sehr wohl vorhanden ist. An dieser Stelle möchte ich nicht detailliert auf die wissenschaftlichen Untersuchungen eingehen, sondern eher praxisbezogen davon berichten und Empfehlungen weitergeben.

Das "Eingemachte" der Texte
Es gibt wunderbare Anleitungen im Internet und hervorragende Bücher mit vielen Impulsen aus der Schreibtherapie und dem kreativen Schreiben. Wer regelmäßig schreibt, tut sich leichter, Eingebungen festzuhalten und die normalen auf und ab Bewegungen der eigenen Launen zu reflektieren. Es ist dieses Reflektieren was es ermöglicht, bei sich selbst „anzudocken“.

Denn es ist manchmal gar nicht so einfach zu unterscheiden, welche Gedanken uns von außen quasi aufgedrängt werden und welche wirklich von einem inneren Impuls heraus entstehen. Beim Niederschreiben lösen sich diese Widersprüche oft automatisch, denn spätestens nach zehn Minuten Fließtext kommt man ans „Eingemachte“. Das „Eingemachte“ meine ich auch im übertragenen Sinne, nämlich als das quasi im Glas mit festem Deckel „Eingemachte“.

Auf dem Weg zur eigenen Kreativität
Der eigenen Intuition und Kreativität auf die Spur zu kommen ist ein großartiger Weg, das Leben auf seine ganz eigene Weise zu umarmen. Die meisten Menschen haben durch die Schule und die Benotung kreativer Texte ein zwiespältiges Verhältnis zum Schreiben. Deshalb möchte ich Ihnen heute einige meiner liebsten Bücher zum Thema nennen:

  • Schreiben von Tag zu Tag: Wie das Tagebuch zum kreativen Begleiter wird. Ein Handbuch für die Praxis von Lutz Werder und Barbara Schulte-Steinicke, Patmos Verlag
  • Der Weg des Künstlers - Das Arbeitsbuch von Julia Cameron, Knaur MensSana HC
  • Schreiben als selbst Coaching von Silke Heimes, Vandenhoeck & Ruprecht

Wichtig: Versuchen Sie beim Schreiben locker zu bleiben. Es gibt grundsätzlich kein richtig oder falsch, sondern nur ein so oder anders. Niemand bewertet sie und sie können alles für sich behalten. Trauen Sie sich ruhig mal Kurztexte zu verfassen, die nicht mehr als drei Zeilen lang sind. Versuchen Sie sich auch an Versformen, die sehr kurz sind, wie z. B. das japanische Versmaß „Haiku“.

Oder: Halten Sie es wie der Maler von der Baustelle: Schreiben Sie mit großen Buchstaben die schiere Freude am Leben auf Ihr Blatt Papier und wenn Sie mögen sogar an die Wand.