Wie Sie ein gutes Selbstmitgefühl stärken kann.

Seien wir ehrlich: Sind wir nicht alle manchmal klüger, höflicher, rechtschaffender -was auch immer – als andere? Welche Rolle spielt der Vergleich mit anderen für Sie? Und was ist mit dem eigenen Selbstbild, wenn wir mal Fehler eingestehen müssen oder eine peinliche Ungeschicklichkeit passiert? Sind wirklich immer die anderen oder die Umstände schuld? Hier ist ein Plädoyer für mehr Nachsicht den eigenen Unzulänglichkeiten gegenüber.

Selbstbild bei Fehlern

Bei einer Untersuchung von Psychologen in den USA meinten 85% einer Studentengruppe, sie kämen überdurchschnittlich mit anderen Menschen zurecht. (vgl. Neff, Christin (2012) S. 35). Christin Neff zitiert Untersuchungen, denen zufolge 94% der Lehrenden eines Colleges abgaben, sie seien bessere Lehrer als ihre Kollegen. Und 90% aller Autofahrer fahren nach eigener Einschätzung sowieso besser als die anderen. Die Tendenz, sich in sozial erwünschten Kategorien wie Kommunikationsgeschick, Leistungsfähigkeit oder Umsichtigkeit als überlegen einzuordnen ist zutiefst menschlich. Psychologen sprechen hier vom Lake Wobegon Effekt.

Das Bedürfnis, besser als „die anderen“ zu sein, ist für das Selbstbild ausgesprochen sinnvoll. Schließlich stabilisieren wir so unbewusst das innere Image. Nur leider ist es auch so: Fehler und Scheitern ist menschlich. Wenn wir mal tollpatschig, unkonzentriert und vielleicht sogar scheitern, kann das sorgsam gepflegte Selbstbild ordentlich ins Wanken geraten. Dann kann es passieren, dass wir uns mit Haut und Haar als ganze Person aufs Übelste beschimpfen. Wir führen einen inneren Dialog und putzen uns als dämlich, unfähig und ähnliches runter. Entwertung pur. Der innere Kritiker läuft zu Hochtouren auf. Die ganzen schönen Talente und Stärken sind dann in der Regel weder abrufbar noch bewusst. Im Life-Coaching geht es häufig um aus dem Ruder laufende Selbstzweifel.

Hierzu sind zumindest zwei Dinge anzumerken, die entlasten können:

·         Je höher die Ansprüche an die eigene Unfehlbarkeit oder sogar Perfektion ist, desto tiefer ist die Fallhöhe. Wenn der Blick in den Spiegel nicht so toll ist, wäre es dann nicht gut, sagen zu können: „Okay, ist Mist. Ich bin ein Mensch mit Fehlern und mit Macken.“ Wäre es nicht eine gute Idee, für die eigenen Unzulänglichkeiten gerade stehen zu können, ohne sich dabei innerlich zu zerfleischen? Ich meine nicht, dass wir uns selbstverliebt alles verzeihen und Selbstkritik wegargumentieren sollten. Aber wie wäre der Versuch, sich selbst mit allen menschlichen Unzulänglichkeiten zu akzeptieren? Nicht besser und nicht schlechter als andere auch. Ich plädiere für Freundschaft- Freundschaft mit sich selbst, so wie wir auch für andere als Freund(in) da sind. Manchmal tut es einfach gut, sich zu trösten wie ein gute Freundin. Und dann wieder aufzustehen.

·         Stellen Sie sich vor, Sie würden sich tatsächlich als durchschnittlich intelligent, durchschnittlich beliebt, durchschnittlich begabt sehen. Stellen Sie sich vor, Sie finden sich nur ganz normal. Dann ändert das doch nichts an der Tatsache, dass Sie Ihre ganz individuellen Verhaltensmuster, Ihre einzigartige Gefühlswelt, Gedanken und Assoziationen haben. Ihre Kombination von Talenten ist Ihr psychologischer DNA-Fingerabdruck. Etwa 10 Millionen Menschen haben den Gallup Strengthsfinder Test, bei dem 34 unterschiedliche Talentthemen in ihrer Reihenfolge sortiert werden, gemacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die exakt den gleichen Top 5 Talentthemen wie Sie hat, liegt bei 1:275.00. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie jemanden treffen, der die Top5 Talentthemen in derselben Reihenfolge aufweist wie Sie, nur bei mageren 1:33 Millionen. (Rath, Tom (2018), S.10) Jeder von uns ist also wirklich einzigartig.

Ich plädiere dafür, sich das jeden Tag aufs Neue zu vergegenwärtigen.

Seien wir uns (immer wieder) bewusst, dass wir alle menschlich sind und so wie andere auch. Gerade bei Fehlern und Missgeschicken bringen Selbstbeschimpfungen wenig, außer zusätzliches Leid. Wir dürfen uns gernhaben und selbst eine gute Freundin sein. Das schließt natürlich konstruktive Kritik ein. Gerade wenn wir unzulänglich sind kann es gut tun, sich auf die Stärken zu besinnen. Einer echten Freundin würden wir doch auch liebevoll und mit konstruktiver Kritik begegnen und sie an ihre Stärken erinnern. Seien Sie das nächste Mal nachsichtig mit sich.

Zum lesen:

Neff, Kristin, Selbstmitgefühl, 9. Auflage,2012, Kailash Verlag

Rath, Tom, Entwickle Deine Stärken, 8. Auflage, Redline Verlag